Interview mit Dr. Gerhard Vogel

Zeitzeugen berichten: Dr. Gerhard Vogel


„Kinderfernsehen war, wenn Kinder fernsahen!“

 

Als Redakteur in der Arbeitsgruppe Sesamstraße gestaltet er von Anfang an die deutsche Bearbeitung der amerikanischen Vorschulserie Sesame Street mit. Mit Erfolg, denn die deutsche Sesamstraße ist seit fast 40 Jahren eine der erfolgreichsten Vorschulserien in Deutschland. Höchste Zeit die Erinnerung der damaligen Zeit aufleben zu lassen. Aus diesem Grund sprach das Fernsehmuseum Hamburg mit Dr. Gerhard Vogel.  

 

Herr Dr. Vogel, welche Tätigkeit haben Sie wann, in Verbindung mit der Sesamstraße ausgeübt?

 

Im Jahr 1970 begann ich beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) und war zunächst für ein Jahr in der Ausbildungsredaktion beschäftigt. Dort lernte ich wie Fernsehsendungen gemacht werden und probierte mich in den folgenden Jahren daran. Später wurde ich als Sendeleiter der dritten Fernsehprogramme eingesetzt und koordinierte die Sendungen beim NDR, bei Radio Bremen (RB) und beim Sender Freies Berlin (SFB). Als die Bearbeitung der amerikanischen Sesame Street beschlossen war, wurden möglichst schnell Experten gesucht und die Wahl fiel unter anderem auf mich. Ich arbeitete als Redakteur in der Arbeitsgruppe Sesamstraße. Neben mir gehörten dieser Gruppe noch folgende Personen an: Dr. Inge von Bönninghausen vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), Elke Kummer, Maria Maier-Reimer vom NDR, Annedore Voss vom WDR, Leiter der Arbeitsgruppe Dr. Karl-Heinz Grossmann, Hans-Joachim Herbst vom NDR, Dr. Heiner Herde vom NDR, Wilfried Schneider und Joachim Tode vom NDR. Von der ersten bis zur 260 Folge blieb ich bei der Sesamstraße. Danach arbeitete ich wieder für anderen Sendungen und übernahm später die Belieferung des neuen Fernsehkanals ARTE. Mit der Sendreihe Erwachsen werden will ich nicht und Follow me gewann ich sogar den Grimme Preis und den renommierten, internationalen Japan Price.

 

Waren Sie von Anfang an vom Format der Sesamstraße überzeugt oder hatten Sie Bedenken ob dieses Format in Deutschland erfolgreich sein konnte? 

 

Bis zur Einführung der Sesamstraße war Kinderfernsehen, wenn Kinder fernsahen. Es gab keine extra für Kinder angefertigten Sendungen. Sie sahen, was im Fernsehen angeboten wurde, ob Krimi oder Tagesschau. Auch das dritte Fernsehprogramm war zu der damaligen Zeit noch relativ unvollständig. Erst um 20 Uhr begann das Fernsehprogramm mit der Tagesschau und ging dann bis Mitternacht. Mit der Einführung der Sesamstraße wurde ein völlig neuer Sendeplatz erfunden, denn das Fernsehprogramm begann nun bereits ab 18 Uhr. Nach dem halbstündigen Vorschulprogramm gab es eine eineinhalbstündige Pause, die später aber auch mit Sendezeit gefüllt wurde. Die Einführung der Sesamstraße war also etwas völlig Neues. Bereits beim ersten Ansehen einer amerikanischen Sendung war ich sofort vom Erfolg der Serie überzeugt und wollte das Projekt Sesamstraße unbedingt umsetzen. Wir produzierten im Namen des NDR im Studio Hamburg. Auch den Eltern wurde vorher eine englische Fassung, die unbearbeitet ausgestrahlt wurde, gezeigt. Sie befanden diese zum Teil schon als sehr gut. Für eine Pilotsendung synchronisierten wir die amerikanischen Serien in deutscher Sprache. Bereits dort zeigte sich, dass die Sendung nur ein Erfolg werden konnte. Die amerikanischen Puppenszenen waren umwerfend komisch und sehr gut produziert. Die Puppen sprachen so perfekt, dass die Stimmen absolut synchron sein mussten. Dazu standen uns hervorragende Synchronregisseure zur Verfügung, die bereits viel Erfahrung in der Herstellung vom Amerikanischen in die deutsche Sprache hatten. Im Anschluss drehten wir lediglich den Vorspann, den Nachspann und kleine inhaltliche Spots mit deutschen Zusammenhängen selbst.

 

Wie sehr hat die Öffentliche Debatte der Sesamstraße Ihre Arbeit beeinflusst? Wie haben Sie versucht die Proteste abzumildern?

 

Im Laufe der deutschen Bearbeitung wurde die Begeisterung für die Sendereihe zusehends größer. Aber auch die Diskussion, insbesondere unter Pädagogen, war groß und öffentlich. Es gab heftige Proteste bei einigen Fernsehanstalten, wie etwa beim Bayrischen Rundfunk, der die Ausstrahlung der Sesamstraße verweigerte, sich später aber doch anschloss, die Sesamstraße auszustrahlen. Auch der öffentlichen Diskussion stellten wir uns permanent, Woche für Woche fanden Seminare und Fortbildungen für Pädagogen und Lehrer und Treffen in Kindergärten statt. Auch das Hans-Bredow-Institut in Hamburg machte eine umfangreiche Begleituntersuchung, wobei sie die Sendung wissenschaftlich analysierten und auch in Kindergärten untersuchten. Die Ergebnisse dieser Untersuchung konnten allerdings erst relativ spät, nach Rückkopplung mit der Redaktionsgruppe, in die neuen Sendungen eingebaut werden.  Die Sesamstraße brachte damals eine neue Schnelligkeit in das Fernsehen. Die Szenenabfolgen und Schnitte waren teilweise so gestaltet, dass sie für Kinder als unerträglich eingestuft wurden. Auch die Fülle an Gezeigtem innerhalb der Sendung wurde bemängelt. Die Begleituntersuchung zeigte also, dass mehr Ruhe in die Sendung kommen sollte, was dann auch umgesetzt wurde. Die öffentliche Kritik floss ebenfalls in die Produktion der Sendung ein.

 

Wie hilfreich war der Wissenschaftliche Beirat für Sie und wie verlief die Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe Sesamstraße?

 

Der wissenschaftliche Bereit setzte sich aus Pädagogen, Psychologen und Didaktikern zusammen. Mit diesen trafen wir uns jedes halbe Jahr. Sie diskutierten mit viel Engagement mit und waren sehr hilfreich. In der Arbeitsgruppe Sesamstraße diskutierten wir die neu zu drehenden Spots und die Synchronisationen wurden vorgeführt und besprochen.  Es gab kaum eine Phase, in der mehr diskutiert wurde, als in dieser. Vom Drehbuch bis zu Fertigung der Spots wurde alles gemeinschaftlich produziert. Auch die Kinder meiner Kollegen wurden in die Arbeit einbezogen, einige waren sogar schon kleine Mitglieder unserer Arbeitsgruppe. Ein besseres Feedback, als das der Kinder, war nicht zu bekommen.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

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