Die gefallene Kirchtumspitze


Ein ereignisreicher Fund


Als am Montag, dem 22. Januar 1962, ein schwerer Sturm wütet und die Spitze der Sankt Petri Kirche in Hamburg herabstürzt, birgt man zwei kupferne Zeitkapseln aus den Trümmern. Die Kapseln wurden am 7. Mai 1878 bei der Neueinweihung des Kirchturms, nach dem großen Hamburger Brand von 1842 angebracht. Darin sollen Schriften, die bis ins Jahre 1515 zurückreichen sowie mehrere Gold- und Gedenkmünzen, aber auch Bronze- und Nickelmünzen enthalten sein (vgl. Abendblatt 1962).

 

Öffnung der Zeitkapseln


Am Donnerstag erfährt die Redaktion des Hamburger Abendblattes von der Absicht des Bischofs Prof. D. Karl Witte, Hauptpastor der Gemeinde Sankt Petri, die Zeitkapsel am kommenden Samstag vor laufender Kamera im gläsernen Studio der aktuellen Schaubude öffnen zu wollen. Doch dann wird beschlossen die Kapseln bereits einen Tag früher im Beisein von Archivrat Dr. Heinz Stoob vom Landeskirchenamt und dem Kirchenbuchführer der Sankt Petri Gemeinde, Max Trätner, in der Werkstatt einer Ottensener Dachdeckerfirma zu öffnen. Grund hierfür ist, wie der Bischof Prof. D. Karl Witte später erläutern soll, die beim Aufschweißen der verlöteten Zeitkapseln anfallenden Temperaturen. Dies macht eine Öffnung vor den laufenden Kameras des vollbesetzten gläsernen Studios im Autohaus Dello schlicht unmöglich. Ein Fotograf des Hamburger Abendblattes ist bei der Öffnung der Kapseln dabei. So gelingt es bereits am Samstagmorgen vor der Ausstrahlung der Live-Sendung der aktuellen Schaubude, Bilder der zerstörten Turmkugel zu veröffentlichen.

 

Publikum reagiert verärgert


Das Schaubuden-Team hat die Öffnung der Kapseln in ihrem Programm schon angekündigt. Trotz des Artikels im Hamburger Abendblatt entschließt sich die Redaktion zu einer inszenierten Erstöffnung. Das Publikum reagiert empört mit einer Flut von Anrufen. In der darauffolgenden Nordschau wird versucht die Situation zu erklären, doch das Unterfangen scheitert. Das Presseecho fällt dementsprechend schlecht aus. Die Hörzu beispielsweise schreibt von „Schausteller-Tricks übelster Art“ deretwegen „das Fernsehen seine höchste Pflicht verletzt [hat], wahr zu sein“ und mutmaßt die aktuelle Schaubude versuche damit nur „ihr langsames Absterben hinauszuzögern“ (HÖRZU1962). Eine Prognose, die sich wider aller weiteren Skandale und Skandälchen, nicht bewahrheiten soll.