Gaststättenfernsehen


"Die Zeit und die Cornways zum Fest" Quelle: Fernsehmuseum Hamburg
Quelle: Staatsarchiv Hamburg

Ein menschenfreundlicher Gastwirt und die Fernseh-Kinder von St. Pauli: "Ilse! Ilse!" rufen die Kinder im Lokal Meeresgrund auf St. Pauli begeistert, sobald Ilse auf dem Bildschirm des Empfängers erscheint. In hamburgs weltbekanntem Vergnügungszentrum schafft ein Gastwirt eine Oase des Kindervergnügens.

 

Für die Jugend im Viertel wird Fernsehen zum Zauberwort. Seitdem der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit seinen regelmäßigen Fernseh-Sendungen begonnen hat, steht im Lokal des Gastwirts August Metzler ein Empfänger. Meeresgrund heißt das Lokal in der Großen Freiheit, einer Straße in Hamburgs weltbekanntem Vergnügungsviertel St. Pauli. Fernfahrer, die hier einkehren, freuen sich, wenn sie nach langer Überlandfahrt am Feierabend in den Zauberspiegel blicken können. Die Ausgabe für das Gerät macht sich bald auch für August Metzler bezahlt. Er kann zufrieden sein, aber er ist es nicht. "Weshalb", fragt er sich, "sollen nur die Großen ihren Spaß am Fernsehen haben? Weshalb nicht auch die Kinder?" Weil ihm das Wohl der Kinder am Herzen liegt, ist er ehrenamtlicher Mitarbeiter der Jugendstunde. Kein Wunder, dass er auch jetzt an seine Schützlinge denkt. Vom Gedanken zur Tat ist nur ein kleiner Schritt. Bald ruft auf St. Pauli ein Kind dem anderen zu: "Bei Metzler ist Fernsehen! Kostet nichts!"

 

Schlange stehen am Meeresgrund

 

Seither haben die Kinder von St. Pauli zweimal die Woche ihren großen Tag. Sobald dienstags und donnerstags der Zeiger auf die dritte Nachmittagsstunde rückt, gibt es für sie daheim kein Halten mehr. Schon eine Stunde vor Beginn der Sendung stehen sie vor dem Meeresgrund Schlange. Wer zuerst kommt, hat die größten Chancen. Denn nur 140 Kinder fasst das Lokal bestenfalls; wer noch draußen steht, muss umkehren. Auch Tränen nützen nichts(...).

 

Das Beispiel von St. Pauli hat Schule gemacht. 200 Kinder sitzen bei jeder Sendung vor dem Großbildempfänger eines Hamburger Betriebs und der Fachhandel macht es ähnlich. Wo in Privat-Haushalten schon Fernseh-Empfänger stehen, werden die Kinder aus der Nachbarschaft eingeladen. Das alles ist nur ein Behelf, denn solange in der Fernsehstadt Hamburg öffentliche Fernseh-Stuben fehlen, muss es auch so gehen. Noch sind die Deutschen nicht soweit wie die Amerikaner oder die Engländer.  Vom britischen Inselreich hat man Folgendes erfahren: von 100 Kindern zwischen fünf und sieben Jahren sträuben sich acht, vor Sendeschluss ins Bett zu gehen. Und bei den älteren, den Kindern zwischen acht und elf, sind es sogar 25 von Hundert, die Zeter und Mordio schreien, wenn sie schlafen sollen, bevor der Zauberspiegel Feierabend macht. Gebannt und gespannt sitzen die Fernseh-Kinder vor dem Empfänger. Ihre Teilnahme ist so lebhaft, dass sie mitsingen, wenn auf dem Bildschirm kleine Sänger erscheinen und ihre frischen Stimmen zu hören sind.